Kanzlei und Kunst

 

 

„In einer Tötungsanstalt“

von Jaques Sils

 

Die grauen Autobusse mit den übermalten Fenstern, in die man weder hinein- noch herausschauen konnte, waren gerade die steile Zufahrt auf den Mönchberg hinaufgefahren, als Siggi den Schäferhund des Herrn Anstaltsleiters Dr. Wagenbach in dessen Arbeitszimmer zurück brachte. Rex hatte sich auf den weiten Feldern in der Umgebung der Landesheilanstalt ausgetobt und lag jetzt ruhig auf einem Teppich vor dem Schreibtisch. „Hoffentlich hat wenigstens der für heute genug“, murmelte Siggi in sich hinein und schloss die Tür zum Arbeitszimmer des Herrn Anstaltsleiters hinter sich ab. Rex sprang nämlich manchmal gegen die Tür, drückte mit einer Pfote auf die Klinke, rannte bis zum Eingang, worauf sich der Pförtner heftig erschreckte. Auch Siggi fürchtete sich vor dem großen Tier; er ließ sich das aber möglichst nicht anmerken. Andernfalls hätte er wahrscheinlich nicht nur das Wohlwollen des Herrn Anstaltsleiters, sondern auch die Gelegenheit, mit Rex die Fleischwurstportionen zu teilen, verloren. Es war halt Krieg und die Rationen waren schon kleiner geworden.

 

An der Pforte kam ihm Dr. Emmrich eilenden Schritts entgegen. Der gehörte eigentlich nicht zum Stamm-Personal der Landesanstalt, sondern zu demjenigen in Andernach, einer Zulieferer-Anstalt. „Geh rüber in´s Haupthaus, da ist wieder ein Abfluss verstopft, das muss schleunigst in Ordnung gebracht werden“, sagte er zu Siggi in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete. „Und dann melde Dich bei der Anstaltsapothekerin. Die Spritzen müssen gemacht werden“.

 

Spritzen aufziehen war nicht Siggis Sache; das machten die Pfleger und Hilfspfleger. Er war nur für den Hund des Herrn Anstaltsleiters und für verstopfte Abflussrohre zuständig. Wurde er von Dr. Emmrich zur Anstaltsapotheke beordert, musste etwas anderes im Spiel sein. Das kam ihm verdächtig vor.

 

Die Kloschüssel in der Toilette einer Hilfspflegerin war randvoll mit Wasser gefüllt. „Scheiße“ murmelte Siggi vor sich hin, nahm den mitgebrachten Feuerhaken, fuhr damit in den Abfluss und fischte eine Wochenbinde und Zeitungspapier heraus. Die Hilfspflegerin hatte sich ihren Arsch mit dem „Völkischen Beobachter“ abgewischt. Siggi überlegte einige Zeit, ob er das melde müsse. Dann ließ er diesen Gedanken in der Trägheit seines Gehirns fallen.

 

Im Blaumann und mit grünen Stiefeln an den Füßen ging Siggi dann durch den gepflegten Park zu dem Haus gegenüber, in dem sich die Anstaltsapothekerin eingerichtet hatte. Das aber nur für dienstliche und sonstige Zwecke; sie hatte ein eigenes Haus unten in der Stadt. Siggi klingelte und als sich niemand meldete betrat er eingedenk der Weisung von Dr. Emmrich das Haus. Im Flur kamen ihm zwei kleine Hunde, ein weißer und ein schwarzer entgegen. Es waren freundliche Wesen, wie ihre Gesichter zeigten.

 

Siggi klopfte an die eine und die andere Tür und als auch das ohne Antwort blieb, öffnete er schließlich die nächstgelegene.

 

Es war die Tür zu Lanas Schlafzimmer. Durch den Türspalt erblickte Siggi ein zerwühltes Bett. Vor ihm, achtlos auf den Boden geworfen, Unterwäsche. Neben dem Bett, ein halbgefülltes Weinglas, verstreut einige Lippenstifte und Cremedöschen.

 

Siggi dämmerte, dass sich hier etwas abgespielt haben müsse und er von Dr. Emmrich dazu abgeordnet worden war, das zu bezeugen. Also ging Siggi durch das Schlafzimmer und öffnete die am Ende des Raumes gelegen Tür zur Toilette.

 

Lena saß nackt und aufrecht auf dem Klo; sie hielt etwas in der rechten Hand, was Siggi nicht sogleich erkennen konnte.

 

„Was machen Sie da?“ entführ es Siggi. Das war an sich eine dümmliche Frage, die sich in dieser Situation von selbst beantworteten musste. Die Antwort kam prompt: „Ich furze“ und Lana setzte das sofort unüberhörbar in die Tat um. Siggi schloss betroffen die Tür und setzte sich auf einen niedrigen Hocker, der neben dem Bett stand. Es dauerte nicht lange, bis Lana ihr Schlafzimmer wieder betrat. Sie würdigte Siggi keines Blickes.

 

Lana war trotz ihres Alters von nahezu 50 Jahren fast noch eine schöne Frau. Ihre schwarz gefärbten Haare fielen um ein schmales Gesicht mit einem fein geschnitten Mund und großen mandelförmigen, dunklen Augen. Von Gestalt aus eher klein und rundlich, erinnerten ihre Statur und ihre Bewegungen aber an die eines Bauernmädchens.

 

Jetzt waren ihre Augen, um die sich Fältchen gebildet hatten, leer und ausdrucklos, sahen aus wie schwarze Seen in einem Moor. Lana stach sich die Spritze in den linken Unterarm und injizierte sich dann das Morphium. Siggi sah, wie sich ihr Körper straffte und ihre Augen strahlten. Mit ruhigen Bewegungen kleidete sich Lana vor ihm an und zog einen weißen Kittel darüber. So kannte man sie in der Landesheilanstalt, den „Todesegel“. Lana ging in das Hauptgebäude und Siggi folgte ihr in gebotener Entfernung.

 

Als Lana den Konferenzraum betrat, war die Frühbesprechung bereits im Gange.

 

Dr. Wagenbach saß hinter einem großen Schreibtisch, vor ihm auf Stühlen Dr. Michel, Oberschwester Mathilde, Dr. Emmrich, einige Pfleger und Hilfspfleger.

 

Über Dr. Wagenbach, auf der Wand dahinter, hing das Bild des Führers –Adolf Hitler schaute so auf die Versammelten herab. Der Blick des Führers nahm Lana immer gefangen, wenn sie sein Bild sah; es erregte sie und dann fühlte sie sich schuldig wegen ihres Fehlverhaltens.

 

Auch Dr. Wagenbach trug seine Haare gescheitelt; aber von ihm ging keine Wirkung aus.

 

Er sah aus wie ein kleiner, dicker Angestellter in seinem schmuddeligen, abgetragenen braunen Anzug.

 

Lana nahm neben Oberschwester Mathilde Platz und suchte ihren Körperkontakt; dann fühlte sie sich wohl.

 

Auf dem Schreibtisch des Anstaltsleiters lagen bündelweise, ordentlich aufgeschichtet, Kranken- und Personalakten; daneben Papierzettel, denen man ansehen konnte, dass sie eigentlich anderen Zwecken, sei es als Notizblock oder Bestellformular, dienen sollten.

 

Auf diese Zettel hatte das Pflegepersonal Namen geschrieben; also die Namen derer, die „desinfiziert“ werden sollten. In der Sprache der Anstalt hieß das „getötet“ werden sollten.

 

Oberschwester Mathilde sammelte diese Zettel täglich ein und legte sie dem Anstaltsleiter, alphabetisch geordnet, vor der Frühbesprechung auf den Schreibtisch.

 

Dr. Wagenbach nahm einen Zettel, zog die jeweilige Personal- und Krankenakte bei und warf fallbezogen die Frage, ob eine „Desinfektion“ durchgeführt werden sollte auf. Erhob sich kein Widerspruch, hakte er den Fall ab.

 

Dr. Emmrich und Lana widersprachen nie. Das konnte nur von Dr. Michel erwartet werden. Als der Anstaltsleiter bei dem Buchstaben „S“ angelangt war, stand Dr. Michel auf. Er war von kräftiger, gedrungener Statur; stiernackig und mit seinem Glatzkopf bot er ein Bild des Schreckens. „Die nicht, das kommt überhaupt nicht infrage“ drang es aus ihm hervor.

 

Erstaunt sah ihn der Anstaltsleiter an. Auf dem Zettel stand „Stockhausen“ und laut Personalakte war sie eine Jüdin. Aus seiner Sicht musste das reichen.

 

„Die ist arbeitsfähig und steht unter meinem Schutz“, schrie Dr. Michel in den Raum.

 

Dr. Wagenbach überlegte, welche Gründe es für diese offensichtliche Insubsordination geben könne, kam aber zu keinem Ergebnis. Da kam ihm Oberschwester Mathilde zu Hilfe, indem sie die Seite mit dem Bild von Gertrud in der Personalakte aufschlug. Es zeigte eine junge Frau. Dichtes krauses schwarzes Haar, kurz geschnitten umrahmten ein wunderschönes Antlitz. Über dem sanft geformten Mund eine etwas breite Nase.

 

Aber die Augen – ein Blick voller Hoffnung und Entsagung.

 

Der Anstaltsleiter machte hinter ihrem Namen ein Fragezeichen und an dieser Stelle war die Konferenz für diesen Tag beendet.

 

Schweigend verließen darauf hin die Beteiligten den Raum.

 

 

Literatur en passant:

 

„Plötzlich, als der Fürst sich gerade wieder über das Bild Nastassja Philippownas beugte, um es zu betrachten, trat Ganja auf ihn zu.

 

Die Frau gefällt Ihnen? Fragte er mit durchdringenden Blick, das Absichtliche der Frage betonend.

 

Ein seltsames Gesicht, entgegnete der Fürst, und ich bin überzeugt: auch ein seltsames Schicksal! Die Züge scheinen heiter, und doch hat diese Person offenbar maßlos gelitten! Davon erzählen die Augen. Eins vor allem spricht aus diesen Zügen: Stolz, ein maßloser, alles verzehrender Stolz! Ob auch Güte, vermag ich nicht zu sagen. Ach, möchte es der Fall sein, möchte sie gut sein! Dann wäre alles gerettet!

 

Würden Sie diese Frau heiraten? Fuhr Ganja fort, ohne den flammenden Blick vom Gesicht des Fürsten abzuwenden. Ich darf mich niemals verheiraten. Ich … bin unheilbar krank, kam es leise zurück.

 

Oder glauben Sie, dass Rogoschin sie heiraten wrüde?

 

Heiraten würde er sie sofort, lieber heute als morgen …

 

In Abänderung des Textes: … aber nach einer Woche würde sie ihn umgebracht haben.

 

F. M. Dostojewskij „Der Idiot“

 

 

 

 

 

Zur Barmherzigkeit – Marginalie am 13.11.2015

 

 

Schwarz, wie die Fahne des I.S.

ist Dein Haar,

Gift fließt wie glühendes Blei

durch meine Adern,

noch schlägt das Herz, aber die Seele

will den Leib verlassen.

Fern der Barmherzigkeit

trifft Morgenland auf Abendland

 

Requiescat in peace

 

 

 

 

 

„Das gelbe Gesicht“

 

erscheint im Augenblick der Sünde.

 

Es zählt 13 ungeborene Menschen,

die nach ihrer Mutter schreien und klagen.

 

Die in der Finsternis ihres Todes

an´s Licht wollen, um nicht vergessen zu werden.

 

Kräftige Jungen´s und hübsche Mädchen.

 

Das gelbe Gesicht klopft an die Fensterscheibe.

 

Das gelbe Gesicht kommt wieder.

 

Jaques Sils

 

 

Allerheiligen – Hommage an Charles Baudelaire.

 

„Oh Charles, was treibt Dich

zu mir in dunkler Nacht und Kälte?

Hinweg mit Dir, Deine Blumen sind vergiftet.

 

Von unseren barmherzigen Schwestern

Ausschweifung und Tod

Will ich nichts wissen,

zu nah sind sie mir gekommen.

 

Kein Glück ist hier zu finden

und frei sind wir erst dann,

wenn unsere Gräber Schnee bedeckt.

 

Oh Charles, das lasse ich ich alle wissen.“

 

Jaques Sils

 

 

 

 

 

Ein "Garuda" -guter Hausgeist- erworben auf Java

 

 

 

Friedrich Kunitzer (09.02.1907 bis 14.03.1998):

 

Wenn er malte, kam selten dabei das heraus, was man selbst sah oder sehen wollte.

 

Dabei sind seine Skizzen und Bilder so präzise, wie seine geschriebenen Texte; und dennoch schwingt immer etwas anderes, rätselhaftes und noch zu erarbeitendes, mit.

 

Friedrich Kunitzer habe ich seinerzeit in seinem selbst gebauten Holzhaus am Rande des Jammertals aufgesucht, weil ich aus dem Diezer Gefängnis –dort war ich beschäftigt- in den Wald flüchtete.

 

Ab dann haben wir in seinem Bach –er behauptete, das sei ihm erlaubt- oder mit behördlicher Erlaubnis in der Lahn gefischt.

 

Friedrich war nicht sehr gesprächig, aber unterhaltsam und in seiner Bescheidenheit großartig unbescheiden.

 

Ich zeige einige Frauenbilder aus meinem Bestand in persönlicher Erinnerung an „damals“ – und weil er mir einige Rätsel aufgegeben hat, die ich bis heute nicht lösen konnte.

 

 

 

 

"Friedrich Kunitzers Landschaftsbilder, seine Tierbilder und Stilleben sind von einer hintergründigen Poesie geprägt"

(Nasarski in "Menschen-Mühlen-Märchen")